Heinz Surek

Zur Geschichte der Metzgerei und des Gasthauses „Zum Adler“ in der Feldstetter Straße

Bevor in den Jahren 2020 bis 2022 das „Adlerquartier“ in neuen Dimensionen aufgebaut wurde, stand an dieser Stelle die altehrwürdige und stattliche Gaststätte und Metzgerei „Zum Adler“. Vor allem die älteren Laichingerinnen und Laichinger erinnern sich mit Dankbarkeit und etwas Wehmut an die guten Fleisch- und Wurstwaren in der Metzgerei, an das schmackhafte Essen in der Gaststätte und an selige Stunden im „Adlersaal“. Da ist es einfach Chronistenpflicht, an das so traditionsreiche gastliche Anwesen zu erinnern und über mehr als hundert Jahre „Gasthaus und Metzgerei zum Adler“ zu berichten. Die Geschichte des Anwesens reicht indessen noch weiter zurück, und zwar bis ins Jahr 1883. Am 19. August dieses Jahres eröffnen der junge Laichinger Metzgermeister Christian Dick mit seiner Frau Anna, geb. Schwenkedel, in der "Steine“ ihre „Metzgerei, Schank- & Speise-Wirthschaft“ (sic) und betreiben sie mehrere Jahre lang unter einfachen Verhältnissen. So ist das weit heruntergezogene mächtige Dach noch strohgedeckt, und in den Räumlichkeiten darunter geht es arg eng zu. Christian Dick will zwar das Haus grundlegend aus- und umbauen, aber da ereilen ihn schwere Schicksalsschläge: Anna Dick stirbt bei der Geburt des zweiten Sohnes, und auch seine zweite Frau muss der Metzger und „Gastwirth“ Christian Dick nach nur zwei Ehejahren wieder hergeben. Danach mag er nicht mehr weitermachen und bietet das Anwesen im Jahre 1898 zum Verkauf an. An Kaufwilligen mangelt es nicht. Den Zuschlag erhält der 26-jährige Jakob Baur, Metzgermeister und Sohn des alten „Ochsen“-Wirts Ulrich Baur. Zusammen mit seiner jungen Frau Katharina, geb. Zeh, aus Suppingen erwirbt Jakob Baur im November die Gaststätte um 22 350 Reichsmark und beginnt alsbald mit dem Abriss des alten Gebäudes und einem grundlegenden Wiederaufbau. Übrigens tut sich in diesem Jahr auch bei anderen Laichinger Gast- und Geschäftshäusern einiges: Im „Engel“ zieht Michael Erz aus Sontheim als neuer Wirt ein, den man bald darauf mit dem Necknamen „Erzengel Michael“ belegt. Georg Kürsamer, der „Kuttelbeck“, übernimmt in der Radstraße, die damals noch offiziell „Judengasse“ heißt, die Bäckerei und das Gasthaus „Zum Löwen“. Im Hause Marktplatz 1 (heute Becka-Beck) betreibt nunmehr Hermann Desselberger das dortige Eisen- und Gemischtwarengeschäft. In der „Wester-Gasse“, der „Steine“, indessen entsteht jenes einstöckige städtisch anmutende Gebäude mit dem reizvollen Fachwerk an der Südseite. An Kirchweih 1899 ist es so weit: Groß wird die Einweihungsfeier begangen, und Jakob Baur verkündet stolz den Namen seiner Gaststätte: „Zum Adler“. An der Südostseite des Gebäudes ist ein kunstvoll geschmiedeter Schildausleger mit einer Adlerfigur angebracht. Gute und schlechte Zeiten kommen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs geht es wirtschaftlich aufwärts, und der technische Fortschritt beschert viele Erleichterungen, etwa im Reiseverkehr. Einen herben Rückschlag in dieser Entwicklung bringt der Krieg von 1914 bis 1918, und auch die Zeit danach ist alles andere als schön: Reparationsleistungen an die Siegermächte müssen geleistet werden, die Inflation von 1923 bringt viele Sparer um ihr ganzes Vermögen. Nach drei bis vier Jahren, in denen es den Menschen etwas besser geht, ergreift die Weltwirtschaftskrise Deutschland, und bald gibt es über sechs Millionen Arbeitslose. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird von den meisten Deutschen zunächst positiv gesehen, weil es anscheinend aufwärts geht, aber sie ahnen ja nicht, dass der „Führer“ bereits den nächsten Krieg plant. In diesen Jahren werden den Eheleuten Jakob und Katharina Baur fünf Kinder geschenkt: zwei Mädchen und drei Buben. Besonders stolz ist Jakob Baur auf seine Söhne: Der Älteste unter ihnen ist Hans Baur, Metzgermeister und seit 1925 Kronenwirt. Überall, wo er zu dieser Zeit mit seinem knatternden Automobil, Marke Opel-„Laubfrosch“, auftaucht, wird er gebührend bestaunt. Ein weiterer Sohn, Ernst Baur, ist ebenfalls Metzgermeister. Er übernimmt im Jahre 1938, zusammen mit seiner Frau Ursula, der Tochter des weithin geachteten Zimmermeisters und Gemeinderats Johann Georg Erb, von seinem Vater den „Adler“. Das heißt aber nicht, dass sich Vater Jakob Baur aufs Altenteil zurückzieht. Im Gegenteil: Bis zu seinem Tod im Jahre 1955 arbeitet er in der Metzgerei des Sohnes tüchtig mit. Der dritte Sohn schließlich, Karl Baur, hat mit der Metzgerei und Gastronomie nichts am Hut. Er darf eine höhere Schule besuchen und an der Technischen Hochschule in Stuttgart ein Ingenieurstudium aufnehmen. Seine große Leidenschaft aber ist die Fliegerei, und er wird einer der bekanntesten Flieger Deutschlands. Im zweiten Weltkrieg arbeitet er als Cheftestpilot bei der Firma Messerschmitt in Augsburg. Nach Kriegsende hält sich Karl Baur, zusammen mit den Raketenbauern Wernher von Braun und Ernst Stuhlinger, dessen Eltern und Großeltern ebenfalls aus Laichingen stammen, in den USA auf, wo man an den deutschen Erfahrungen im Flugwesen sehr interessiert ist. Später, im Jahre 1954, siedelt er mit seiner Frau und seinen Kindern, Ulrich und Marieluise, ganz nach Dallas/Texas über, wo er als Versuchsingenieur in der Luftfahrtindustrie arbeitet. Öfter aber kommt er im Urlaub nach Laichingen heim und lässt es sich dann im „Adler“ und der „Krone“ auf das Beste bewirten. Im „Adler“ in Laichingen wird als drittes Kind im Jahre 1947 endlich der Stammhalter, Ernst Baur, geboren. Groß ist die Freude über das „Ernschtle“, wie man den künftigen Adlerwirt allenthalben nennt. So erhält in den Tagen nach der Geburt des „Ernschtle“ jeder Kunde im Metzgerladen ein nahrhaftes Geschenk. Vater Ernst Baur geht nun daran, das Schlachthaus neu aufzubauen und darüber entsteht ein prächtiger Saal, der am 1. Mai 1952 eingeweiht wird. Wie viele Vereinsfeste, Hochzeitsfeiern, „Flieger-“ und „Tennisbälle“, Karnevalsveranstaltungen, Diavorträge des Alpenvereins und des Vogelschutzbundes und vieles mehr hat es in mehr als fünfzig Jahren im „Adlersaal“ gegeben! Wie viele schöne Stunden hat man hier „bei gutem Wein und frohem Schmaus“ zugebracht! Menschlich und familiär geht es bei den Baurs zu. Im Metzgerladen ist Ursula Baur die unumschränkte Chefin. Sie kennt alle ihre Kunden und weiß auch, in welchen Hauhalten es nicht so üppig zugeht. Dann nimmt sie es mit dem Abwiegen von Fleisch und Wurst auf der „Bizerba“-Waage nicht so genau, und vor allem verlässt kein Kind den Laden, ohne eine Scheibe Wurst erhalten zu haben. Auch der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich noch dankbar daran, dass die herzensgute Adlerwirtin ihm immer wieder mit den Worten „Surekle, dees isch für di“ eine rote Wurst zugesteckt hat. Viel zu früh stirbt die Adlerwirtin im Frühjahr 1961 und acht Jahre später folgt ihr der Ehemann. Nun muss „Ernschtle“ Baur, der inzwischen in auswärtigen Schlachthäusern Erfahrungen gesammelt hat, den Betrieb übernehmen. Er richtet neue Schlacht- und Kühlräume ein, erweitert den Laden und baut das Anwesen weiter aus. Am 19. Juli 1990 wird dies mit einem großen Hock im Hof gefeiert. Aber nichts bleibt wie es ist. Adlerwirt Ernst Baur wird im Jahre 2004 viel zu früh aus dem Leben gerissen. Am17. Dezember 2005 ist die Metzgerei zum letzten Mal geöffnet, die Gaststätte wird noch einige Jahre werktags weitergeführt, ehe auch sie für immer geschlossen werden muss. Somit gibt es den „Adler“ nicht mehr. Nur der Name und der schmiedeeiserne Schildausleger prangen noch eine Zeit lang an der südlichen Hausfassade. Stattdessen entsteht an dieser Stelle das „Adlerquartier“, und zwar „in neuen Dimensionen“. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein traditionsreiches Gasthaus mit Metzgerei in der Feldstetter Straße, an den Gewerbefleiß von drei Generationen der Familie Baur, die durch ihre Arbeit das Leben der Menschen in Laichingen und seiner Umgebung bereichert haben.

Das Laichinger Bähnle (1901 bis 1985) – viel belächelt und doch erfolgreich und liebenswert
Mittwoch, 29. Juni 2022, 19:30 Uhr im Großen Saal Gasthaus "Rössle", Laichingen
Ein unvergesslicher Abend

Der Zustrom zu den Vorträgen über das Laichinger Bähnle war überwältigend. Schon deutlich vor Beginn waren die Reihen schon gut besetzt, am Ende blieben nur sehr wenige Plätze im großen Saal des Gasthauses „Rössle“. Und die Erwartungen der Zuhörer wurden nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen.
Heinz Surek schilderte die Entstehung der Nebenbahnlinie Amstetten – Laichingen seit den ersten Ideen und Planungen, die durch den Bau der Magistrale Stuttgart – Friedrichhafen ausgelöst wurden. Es entstand ein harter Konkurrenzkampf der kleineren Gemeinden im Umfeld um den Bau einer Nebenlinie. Münsingen, Urach, Kirchheim bewarben sich. Entscheidend war der Einsatz des Ulmer Oberbürgermeisters Wagner, der sich für eine Nebenlinie Beimerstetten – Laichingen einsetzte. Der bekannte Geometer Ludwig Ostertag in Laichingen engagierte sich für Amstetten - Laichingen. Dieser Plan wurde auch in Stuttgart von der Regierung und dem Landtag gebilligt. Sehr anschaulich wurden die schweren Arbeiten beim „Durchstich“ bei Amstetten geschildert; Gastarbeiter aus Italien und Kroatien kamen zum Einsatz. Am 20. Oktober 1901 fuhr der erste Zug in Laichingen ein – der Bahnhof befand sich damals noch auf einer sehr großen, unbebauten Fläche.
Am 31. August 1985 fand die letzte planmäßige Fahrt statt – das Frachtgutaufkommen war so stark gesunken, dass ein lohnender Betrieb nicht möglich erschien. Dabei hatte man kurz vorher noch Investitionen von über 2 Millionen DM getätigt, zum Beispiel für beschrankte Übergange. Bürgermeister Schmid von Machtolsheim hat dies bedauert. Leider scheiterte auch der Plan einer Museumsbahn in der Art des „Öchsle“, den Landrat Bühler vorschlug. Mit 70 Bildern wurde die Geschichte des „Bähnles“ zusätzlich illustriert und durch viele heitere Anekdoten bereichert.
Im zweiten Teil schilderte Peter Schumacher als technischer Leiter der „Ulmer Eisenbahnfreunde“ das Schicksal der „2.s Lok“ , der letzten Dampflok auf der Nebenstrecke, natürlich ebenfalls mit zahlreichen Bildern. Sie war lange Jahre vor der Tiefenhöhle in Laichingen aufgestellt. Rost und Diebstähle hatten ihr hier sehr zugesetzt. Von dort war sie nach Marxzell im Schwarzwald gekommen und dort von den „Eisenbahnfreunden“ für 20.000.- DM erworben worden. Peter Schumacher schilderte außerordentlich anschaulich die Fülle an schwierigen Restaurationsarbeiten, die nötig waren, um den Originalzustand wieder herzustellen. Deutlich machte er dabei auch den sehr hohen Anspruch der Restauratoren, die etwa nur genietete Verbindungen herstellen und (leichter machbare) geschweißte vermeiden.
Am Ende des Abends gab es noch viele Gespräche; alles in allem zeigte der Abend die tiefe Verbundenheit der Besucher mit dem unvergessenen „Bähnle“.